8. qualityaustria Gesundheitsforum: Anforderungen und Herausforderungen für Einrichtungen im Gesundheitswesen steigen
10.11.2014 / ID: 179816
Medizin, Gesundheit & Wellness
Am 6. November fand im Apothekertrakt im Schloss Schönbrunn zum achten Mal das qualityaustria Gesundheitsforum statt. Die diesjährige Veranstaltung drehte sich darum, welche Antworten es für die Einrichtungen des Gesundheitswesens auf die steigenden Anforderungen seitens Politik, Patienten und Öffentlichkeit sowie durch die neue ÖNORM EN 15224:2012 für das Gesundheitswesen gibt. Weiters wurden die Themen Patientensicherheit und -betreuung beleuchtet. Im Rahmen des Forums in Kooperation mit Logic4BIZ wurde auch das Austria Gütezeichen für niedergelassene Ärzte verliehen.
Steigende Anforderungen
Beim 8. qualityaustria Gesundheitsforum standen jene zahlreichen Herausforderungen im Mittelpunkt, mit denen sich die Einrichtungen des Gesundheitswesens heute konfrontiert sehen. In seinem Eingangsstatement betonte Dr.med.univ. Günther Schreiber, Netzwerk-partner, Projektmanagement und Koordination Branche Gesundheitswesen, Quality Austria, dass das Umfeld der Krankenhäuser in mehreren Dimensionen komplexer wird und präsen-tierte Zahlen, die ein besorgniserregendes Bild zeichnen. So ergab der deutsche Kranken-hausreport 2014, dass bei 5 bis 10 % aller Krankenhausbehandlungen ein unerwünschtes Ereignis wie bspw. eine allergische Reaktion auf Medikamente stattfindet - knapp die Hälfte davon könnte vermieden werden. Bei 1 von 100 Patienten wird tatsächlich ein Fehler gemacht und pro Jahr kann man 19.000 Todesfälle auf Fehler im Krankenhaus zurück-führen. Auf Österreich umgerechnet würden dies rund 2.000 tote Patienten pro Jahr bedeuten. In einer Studie im Auftrag der Europäischen Kommission gaben 78 % der befragten EU-Bürger an, dass sie mangelnde Patientensicherheit als ernsthafte Bedrohung sehen und 40 % befürchteten, selbst Opfer eines durch ärztliche Maßnahmen verursachten Fehlers zu werden.
"Die gesetzlichen Anforderungen und die Erwartungen der Patienten steigen, der Stand der Technik entwickelt sich weiter und der Wunsch nach Transparenz nimmt ebenso zu wie die Belastungen des Personals. Ebenso verändern sich die Hierarchiestrukturen in den Betrieben und die Anforderungen an Führungskräfte", so Günther Schreiber. Er stellte die Frage, ob die Managementsysteme mitwachsen und ob Lösungsansätze und -methoden von früher angesichts dieser zahlreichen Herausforderungen heute noch ausreichen. Als klare Antwort gab er darauf, dass Organisationen mittels eines Qualitätsmanagementsystems gesteuert und durch externe Organisationen überprüft werden müssen. Wie Zahlen aus Deutschland belegen, schneiden zertifizierte Krankenhäuser im Vergleich zu nicht zertifizierten Betrieben besser ab. Als Erweiterung gibt es neben der ISO 9001 seit Herbst 2012 die ÖNORM EN 15224:2012. Letztere wurde basierend auf der ISO 9001 speziell für das Gesundheitswesen entwickelt und setzt den Schwerpunkt auf klinische Prozesse und deren Risikomanagement. Legal Compliance, Patientensicherheit, Datenschutz und Informationssicherung werden darin stärker berücksichtigt und auch der Aspekt der Notfallplanung und Business Continuity Management darin integriert.
Wachsende Kluft mit ISO 9001:2015 überbrücken
Beim Punkt steigende Anforderungen hakte auch Dr. Mag. Anni Koubek, Prokuristin Innovation und Koordination, Quality Austria ein. Sie stellte in ihrem Vortrag "Wie unterstützt ISO 9001:2015 das Management der Veränderungen" die Frage, wie man die wachsende Kluft überbrücken kann, die sich aus steigenden Anforderungen bei gleichbleibenden bzw. schrumpfenden finanziellen und personellen Ressourcen ergibt. Als Werkzeuge dafür stünden Standardisierung, fortlaufende Verbesserung und Innovation zur Verfügung. "Die neue Managementnorm ISO 9001:2015 soll unterstützen und sicherstellen, dass Veränderungen in den zunehmend komplexen, anspruchsvollen und dynamischen Umgebungen, in denen Organisationen tätig sind, reflektiert werden", erklärte Koubek und betonte auch: "Mehr vom Gleichen ist nicht genug. Vielmehr müssen die Einstellungen und Kulturen im Gesamtsystem verändert werden."
Austria Gütezeichen für niedergelassene Ärzte
Im Anschluss an die ersten Vorträge verliehen Mag. Hagen Pleile, Vorstandsvorsitzender ÖQA und Dr. Gerald Bachinger, Leitung der NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft das Austria Gütezeichen für niedergelassene Ärzte an Dr. Walter Titze, Allgemeinmediziner und Facharzt für Unfallchirurgie in Unterach/Attersee.
Patientensicherheit und -betreuung
Der zweite Teil des Gesundheitsforums stand im Zeichen von medizinisch-rechtlichen Dokumentationen, Patientensicherheit und Patientenbetreuung. Ao. Univ.-Prof. Dr. Harald-Lothar Andel, MSc, Leitung Anästhesieambulanz, AKH Wien widmete sich in seinem Vortrag dem Thema "Managen der wachsenden Anforderungen an die medizinisch-rechtliche Dokumentation". Er stellte die gesetzlichen Grundlagen und den Umfang der Dokumentati-onsverpflichtung ebenso vor wie den Umfang des Qualitätsnachweises und der Patientenaufklärung. Gerade letzter Punkt sei sehr relevant, denn wie Andel betonte: "Man kann sagen, dass bei ca. 70 % der Gerichtsverfahren aufgrund von Aufklärungsmangel der Patient Recht bekommt, bei den Fällen aufgrund ärztlicher Kunstfehler sind es hingegen nur 10 %."
Das spannende Thema "Patientensicherheit im Wandel - das Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit" beleuchtete im Anschluss Dr. Maria Kleteka-Pulker, Geschäfts-führerin der österreichischen Plattform für Patientensicherheit. Sie warf die Frage auf, ob das Recht hinderlich für Patientensicherheit und Berufsausübung von Medizinern sei und ging auch auf die Herausforderungen beim Umgang mit Fehlern ein, denen man nur mittels Schaffung einer Sicherheitskultur Herr werden könne. Sie sprach weiters darüber, wie nach einem Zwischenfall zu handeln sei und wie die Kommunikation mit dem Patienten und Angehörigen nach einem solchen aussehen müsse. "Patienten müssen das Gefühl haben, sich äußern zu dürfen, wenn sie der Meinung sind, dass bei ihrer Behandlung etwas schief gehen könnte oder schief gegangen ist", gab sie als Empfehlung ab.
Als letzten Vortrag des Forums stellte Univ.Doz. Dr. Gustav Fischmeister, OA allgemeine und Notfallambulanz, St. Anna Kinderspital ein innovatives Pilotprojekt im Bereich der Pati-entenbetreuung anhand von praktischen Erfahrungen mit dem Video-Dolmetsch vor. Durch sprachliche Verständigungsprobleme, die bei geschätzten 5 - 10 % der Fälle auftreten, wird nicht nur die Anamnese erschwert, es stellt sich auch die Frage, wer mit den Eltern kommuniziert, sie aufklären und beruhigen kann? Lt. Fischmeister hat sich der Video-Dolmetsch als gute technische Lösung erwiesen, bei der die körperliche Abwesenheit des Dolmetschers nicht störend ist, aber die Konzentration auf Patient und Eltern via Videofunktion besser als bei physischer Anwesenheit. Fischmeister präsentierte weiters Studienzahlen aus den USA, wo von 3.000 fremdsprachigen Patienten jene 40 % mit Zugang zu einem Dolmetsch eine kürzere Verweildauer im Spital aufwiesen und auch weniger oft erneut aufgenommen werden mussten. Jedoch wäre in Zukunft nicht nur in Spitälern, sondern auch in Apotheken, für die Exekutive, bei Sozialarbeitern und anderen Behörden eine solche Funktion wünschenswert.
Foto, Abdruck honorarfrei
1_qaGesForum: v.l.n.r: Dr.med.univ. Günther Schreiber, Netzwerkpartner, Projektma-nagement und Koordination Branche Gesundheitswesen, Quality Austria; Ao. Univ.-Prof. Dr. Harald-Lothar Andel, MSc, Leitung Anästhesieambulanz, AKH Wien; Dr. Maria Kleteka-Pulker, Geschäftsführerin der österreichischen Plattform für Patientensicherheit; Univ.Doz.Dr. Gustav Fischmeister, OA Allgemeine und Notfallambulanz, St. Anna Kinderspital © Quality Austria/Anna Rauchenberger
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