Mangelnde Fehlerkultur: Wenn Kritik im Krankenhaus zum Risiko wird
22.06.2026 / ID: 442828
Unternehmen, Wirtschaft & Finanzen
In Krankenhäusern wird zwar geheilt, doch in manchen Kliniken krankt das System selbst. Wenn Macht wichtiger wird als Transparenz und Kritik als Störung gilt, geraten nicht nur Ärztinnen und Ärzte unter Druck - auch die Patientensicherheit ist gefährdet. Die Luftfahrt könnte nach Ansicht einiger Experten Lösungen bieten.Starre Hierarchien, intransparente Entscheidungswege und eine starke Machtkonzentration bei Vorgesetzten gelten vielerorts als Belastung für Ärztinnen und Ärzte. Medienberichte und Befragungen verweisen immer wieder auf Machtmissbrauch, sachfremde Kommentare sowie die Sorge vor beruflichen Nachteilen, wenn Missstände offen angesprochen werden. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und der Schweiz stehen Kliniken wiederholt im Fokus kritischer Medienberichte. Für Aufsehen sorgte zuletzt der Fall am Universitätsspital Zürich: Rund um die Herzchirurgie unter Francesco Maisano wurde über mutmaßlich erhöhte Sterblichkeitsraten, fehlende Transparenz und falschen Umgang mit Kritik berichtet. Der Fall zeigt exemplarisch, welche Risiken entstehen, wenn medizinische Qualitätssicherung, interne Machtstrukturen und institutioneller Selbstschutz in Konflikt geraten. „Es fällt auf, dass einige Fachleute die Luftfahrt im Hinblick auf die sogenannte ‚Just Culture‘ inzwischen als mögliches Vorbild für das Gesundheitswesen sehen. Dabei geht es nicht um die Suche nach Schuldigen, sondern um die systematische Analyse, warum Fehler entstehen konnten und welche Abläufe verbessert werden müssen. Ohne eine offene Fehlerkultur lassen sich vermeidbare Risiken kaum nachhaltig reduzieren“, sagt der ehemalige Flugkapitän Bruno Dobler.
Dobler verweist dabei auf die Luftfahrt, die seit den 1970er Jahren aus schweren Flugzeugkatastrophen und jedem Crash systematisch gelernt hat. So entstand ein professionelles Krisenmanagement, bei dem nicht allein der Pilot, sondern das Zusammenspiel von Technik, Kommunikation, Vorbereitung, Feedback und klaren Prozessen im Mittelpunkt steht. „Nur durch die kompromisslose Auseinandersetzung mit Fehlern und den konsequenten Ausbau von Sicherheitssystemen - von der Technik bis zur Kommunikation - zählt die Luftfahrt zu den sichersten Verkehrsmitteln“, betont Dobler. In seinem Vortrag „Wie Piloten Probleme lösen, um sicher zu landen“ zeigt der Schweizer Keynote-Speaker, welche Lehren aus dem Cockpit auch für Kliniken relevant sein können. Entscheidend ist, Fehler nicht zu vertuschen, sondern mit einem gesunden Selbstbewusstsein aus ihnen zu lernen.
Als ehemaliger Flugkapitän nutzt Bruno Dobler heute seine Erfahrungen in der Unternehmensberatung, indem er Prinzipien aus der Luftfahrt auf betriebliche Abläufe überträgt. Bevor Piloten die Verantwortung für hunderte Passagiere und ein millionenteures Flugzeug übernehmen dürfen, absolvieren sie ein intensives Training. Dabei erwerben sie Fähigkeiten, auch in kritischen Situationen angemessen zu reagieren. Auch ein professioneller Umgang mit Fehlern und deren systematischer Analyse wird möglich. „Genau hier, bei der Fehlervermeidung, sollte das Gesundheitswesen ein Benchmarking mit der Luftfahrt durchführen“, sagt Dobler. Seiner Meinung nach könnten Kliniken von den etablierten Sicherheits- und Trainingsstrukturen der Luftfahrt profitieren, insbesondere in Bezug auf Risikobewusstsein, klare Prozesse und eine offene Fehlerkultur.
(Bildquelle: iStock / MatusDuda)
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