Vier Perspektiven. Vier Gespräche.
13.10.2026 / ID: 447184
Wissenschaft, Forschung & Technik
4/4 - Vier Perspektiven. Vier Gespräche.Gefördert vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg, unterstützt das Projekt SustainMed 2.0 den Transfer nachhaltiger Lösungen in die Praxis - für mehr Nachhaltigkeit in Krankenhäusern und Unternehmen. So werden Best-Practice-Beispiele mithilfe digitaler Instrumente identifiziert, sichtbar gemacht und für Kliniken deutschlandweit nutzbar gemacht. Durch die Vernetzung von Kliniken, Unternehmen und Politik sollen nachhaltige Maßnahmen dauerhaft im Versorgungsalltag verankert und damit Ressourcen geschont sowie Emissionen reduziert werden. Der Handlungsbedarf ist hoch: Eine durchschnittliche deutsche Klinik produziert täglich rund acht Tonnen Abfall und verursacht etwa fünf Prozent der Treibhausgasemissionen.
SustainMed 2.0 lebt vom Austausch unterschiedlicher Akteure. In unserer Interviewreihe geben vier Expertinnen und Experten aus den Bereichen Einkauf und Logistik, Medizin, Digitalisierung und Klimaschutzmanagement Einblicke in ihre Erfahrungen, Herausforderungen und Ideen. Jede Woche erscheint ein Interview mit einer Expertin oder einem Experten aus SustainMed 2.0.
Zum Abschluss unserer Reihe spricht Christian Becker über die Rolle der Digitalisierung: wenn es um mehr Nachhaltigkeit im Krankenhaus geht.
Christian Becker - Cross Industry Transformation Professional, FREESIXTYFIVE
Was gehört zu Ihren Kernaufgaben?
Ich beschäftige mich vor allem mit Beratung, Strategie und Geschäftsentwicklung im Bereich Digitalisierung. Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit besteht darin, technologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und gemeinsam mit unseren Kunden zu bewerten, welche konkreten Chancen daraus entstehen. Dabei interessiert mich besonders die Frage, wie wir aus neuen Technologien und Daten tatsächlich nutzbare Lösungen, effizientere Prozesse und neue Geschäftsmodelle entwickeln können.
Was hat Sie persönlich bzw. Ihr Unternehmen/Ihre Einrichtung motiviert, sich in dem Projekt zu engagieren?
Neben unserem ausgeprägten Innovationsanspruch gehört für uns auch die Frage dazu, welchen Beitrag wir als Unternehmen zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft leisten können. Nachhaltigkeit begleitet mich deshalb sowohl persönlich als auch unternehmerisch.
Das Gesundheitswesen ist dafür ein besonders relevantes Feld: Hier treffen zwei der großen gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit unmittelbar aufeinander - die langfristige Sicherung einer hochwertigen Gesundheitsversorgung und die Notwendigkeit, mit Ressourcen deutlich bewusster und effizienter umzugehen. Gleichzeitig stehen Kliniken unter erheblichem wirtschaftlichem und personellem Druck. Deshalb braucht es aus meiner Sicht keine abstrakten Zukunftsbilder, sondern pragmatische, messbare und skalierbare Lösungen.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in Ihrem beruflichen Alltag - auch unabhängig von SustainMed?
Nachhaltigkeit spielt für mich eine sehr große Rolle, weil sie längst weit über klassische Umwelt- oder Klimathemen hinausgeht. Sie umfasst ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung und damit letztlich die Frage, wie wir Ressourcen, Prozesse und Entscheidungen langfristig sinnvoll gestalten.
Für mich beginnt Nachhaltigkeit deshalb vor allem mit dem bewussten Hinterfragen des eigenen Handelns - privat genauso wie unternehmerisch: Brauchen wir einen bestimmten Prozess wirklich? Können wir Ressourcen effizienter einsetzen? Gibt es eine bessere technologische Lösung? Und welche Konsequenzen hat eine heutige Entscheidung über ihren unmittelbaren Nutzen hinaus?
Gerade im Unternehmenskontext halte ich diesen Perspektivwechsel für wichtig. Nachhaltigkeit sollte nicht als zusätzliche Verpflichtung verstanden werden, sondern zunehmend als Bestandteil guter Strategie, effizienter Prozesse und verantwortungsvoller Unternehmensführung.
Welche Rolle sollten digitale Tools bei der Sichtbarmachung von Material- und Produktströmen im Krankenhaus spielen?
Eine zentrale Rolle - aus meiner Sicht vor allem in zwei Bereichen. Erstens schaffen digitale Lösungen Transparenz. Material-, Produkt- und Verbrauchsdaten müssen strukturiert erfasst, miteinander verknüpft und in den richtigen Kontext gesetzt werden. Erst dann lassen sich beispielsweise Verbrauch, Kosten, Ressourcenbedarf oder Nachhaltigkeit sinnvoll bewerten.
Zweitens müssen aus diesen Daten konkrete Handlungen entstehen. Gute digitale Lösungen machen nicht einfach mehr Daten sichtbar, sondern helfen Menschen dabei, Zusammenhänge zu verstehen, Abweichungen zu erkennen und bessere Entscheidungen zu treffen.
Perspektivisch können Automatisierung und KI diesen Prozess zusätzlich unterstützen. Die Grundlage bleibt aber eine belastbare Datenbasis. Unser Ziel muss deshalb sein, aus Daten zunächst Information, daraus Wissen und letztlich konkrete Verbesserung im klinischen Alltag zu erzeugen.
Das passt zudem zu den bereits im Projekt untersuchten konkreten Materialströmen: Beispielsweise zeigt die Untersuchung von OP-Verpackungsabfällen, dass sich aus strukturierten Verbrauchsdaten konkrete Recycling- und CO2-Einsparpotenziale ableiten lassen.
In welcher Form wurden digitalen Lösungen in SustainMed 2.0 bereits umgesetzt und welche Herausforderungen zeigten sich dabei?
Mit SustainMed versuchen wir, bewährte digitale Methoden und Prozesse gezielt auf die Anforderungen des Gesundheitswesens zu übertragen. Wir arbeiten seit vielen Jahren in sehr unterschiedlichen Branchen - beispielsweise mit datenbasierten Research-Prozessen, CRM, Automatisierung, Analyse- und Plattformlösungen. Viele dieser Methoden sind technologisch längst etabliert, werden im Gesundheitswesen aber häufig noch isoliert oder in einzelnen Insellösungen eingesetzt.
Genau hier setzt SustainMed an. Wir wollen Daten, Analyse, Visualisierung, Kollaboration und Veränderungsprozesse stärker miteinander verbinden. Denn der eigentliche Mehrwert entsteht nicht dadurch, dass wir ein zusätzliches digitales Tool bereitstellen. Er entsteht dann, wenn aus Daten belastbare Erkenntnisse werden und diese Erkenntnisse wiederum konkrete Veränderungen im klinischen Alltag ermöglichen.
SustainMed verstehen wir deshalb zunehmend als digitale Grundlage für eine faktenbasierte, messbare und nachhaltige Transformation - von der Analyse über die Verprobung bis zur späteren Skalierung.
Das ist konsistent mit dem bisherigen Plattformansatz von SustainMed, der ausdrücklich Datenmanagement, Prozesstransparenz, wissenschaftliche Verprobung und Skalierbarkeit miteinander verbinden soll.
Wie stellen Sie sicher, dass digitale Lösungen später im Arbeitsalltag im Gesundheitswesen tatsächlich genutzt werden - und nicht nur auf dem Papier existieren?
Die User Experience ist dafür ein entscheidender Baustein. Eine digitale Lösung muss aus Sicht der Anwender gedacht sein: intuitiv, niedrigschwellig und möglichst gut in bestehende Arbeitsabläufe integriert.
Dabei geht es aber nicht nur um die Benutzeroberfläche. Mindestens genauso wichtig sind die Vernetzung bestehender Systeme, interoperable Datenstrukturen und eine hohe Datenqualität. Niemandem ist geholfen, wenn Mitarbeitende zusätzliche Informationen manuell in ein weiteres System übertragen müssen.
Darauf aufbauend eröffnen Automatisierung, Large Language Models und andere KI-Technologien erhebliche Möglichkeiten - beispielsweise bei Analyse, Wissensaufbereitung, Entscheidungsunterstützung oder der Automatisierung administrativer Prozesse. Entscheidend ist aber die Reihenfolge: Erst müssen Prozesse, Datenbasis und Zielsetzung stimmen. Danach kann automatisiert werden.
Denn eine schlechte oder unklare Prozesslogik wird durch KI nicht automatisch besser - sie wird im Zweifel nur schneller skaliert. Technologie muss deshalb einen klaren Nutzen erzeugen: Sie soll Menschen entlasten, Entscheidungen verbessern und mehr Zeit für die eigentliche Versorgung schaffen.
Wohin geht aus Ihrer Sicht die digitale Reise im nachhaltigen Gesundheitswesen und wo liegen aktuell die größten Hürden?
Ich glaube, dass wir Nachhaltigkeit künftig wesentlich ganzheitlicher betrachten werden. Ökologische Auswirkungen, Wirtschaftlichkeit, Versorgungsqualität und Ressourceneinsatz können langfristig nicht getrennt voneinander gesteuert werden.
Digitalisierung schafft dafür eine wichtige Grundlage. Wenn wir Materialströme, Prozesse, Kosten und perspektivisch auch Nachhaltigkeitskennzahlen miteinander verbinden, können wir Versorgung wesentlich differenzierter steuern. Datenanalyse, Automatisierung und KI können dabei helfen, komplexe Zusammenhänge schneller zu erkennen und Prozesse zunehmend vorausschauend zu optimieren.
Die größten Hürden sehe ich derzeit weniger in der Technologie selbst als in den gewachsenen Strukturen: fragmentierte Datenlandschaften, isolierte Systeme, komplexe Entscheidungswege und begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen erschweren Innovation.
Deshalb müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, in denen neue Lösungen kontrolliert entwickelt, wissenschaftlich bewertet und unter realen Bedingungen erprobt werden können. Am Ende muss sich jede Innovation dort beweisen, wo ihr Nutzen entsteht: im klinischen Prozess, am Point of Care und letztlich beim Patienten.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Projekts und zum Thema Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen allgemein?
Ich wünsche mir, dass wir den ganzheitlichen Ansatz, den wir in SustainMed entwickelt haben, konsequent weiterführen und über bestehende klinische und sektorale Grenzen hinweg skalieren.
Eine große Stärke des Projekts liegt darin, dass sehr unterschiedliche Kompetenzen zusammenkommen: Medizin und Pflege, Verwaltung und Einkauf, Wissenschaft, Herstellerperspektive sowie Digitalisierung und agile technische Entwicklung. Gerade diese Vielfalt und die sehr progressive Kultur der Zusammenarbeit haben sich nach mittlerweile mehr als zwei Jahren als wesentliche Voraussetzung für Veränderung erwiesen.
Daraus sollten wir die richtigen Schlüsse ziehen: Nachhaltige Transformation entsteht nicht durch einzelne Akteure, sondern durch Teams, Organisationen und Netzwerke, die ein gemeinsames Ziel verfolgen. Das gilt auch für die Technologie. Software, Automatisierung und KI werden uns enorme Möglichkeiten eröffnen - sie bleiben aber Werkzeuge. Entscheidend ist, wie wir Menschen sie einsetzen und welche Strukturen wir schaffen, damit daraus tatsächlich bessere Prozesse und eine bessere Versorgung entstehen.
Dafür braucht es Mut, Unterstützung und die Bereitschaft, etablierte Denk- und Arbeitsweisen zu hinterfragen. Die Diagnose ist in vielen Bereichen längst gestellt. Jetzt müssen wir gemeinsam an der Therapie arbeiten.
Welchen Satz würden Sie einer Person mitgeben, die noch zögert, sich mit dem Thema zu beschäftigen?
Wir können nicht darauf warten, dass Nachhaltigkeit und Digitalisierung irgendwann jemand anderes für uns löst - wir müssen anfangen, ausprobieren, auch einmal scheitern, daraus lernen und die Zukunft aktiv besser machen.
Also: Los geht's. Lass machen.
Finanziert aus Landesmitteln, die der Landtag Baden-Württemberg beschlossen hat.
(Bildquelle: Leif Piechowski / BioRegio STERN Management GmbH)
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