Neue "Volkskrankheiten" setzen Arbeitgeber unter Handlungsdruck
09.10.2013 / ID: 140108
Medizin, Gesundheit & Wellness
Ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung: Es gibt viele Möglichkeiten, die berufliche Leistungsfähigkeit zu stärken - und immer mehr Arbeitgeber machen ihren Mitarbeitern entsprechende Angebote. An die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter denken aber nach wie vor aber nur die Wenigsten: Dabei werden Arbeitnehmer immer häufiger aufgrund von Stress, Burnout oder Depressionen krankgeschrieben - oft über längere Zeiträume. So gingen in Deutschland allein 2012 59 Millionen Fehltage auf das Konto von psychischen Erkrankungen, die damit längst zu einem großen volkswirtschaftlichen Problem geworden sind. Die große Frage: Wie können Arbeitgeber dazu beitragen, dass es gar nicht so weit kommt und welche Angebote können die psychische Verfassung ihrer Angestellten stärken? Diplom-Psychologe Benjamin Martens propagiert einen ebenso einfachen wie überzeugenden Lösungsweg.
Knapp ein Drittel (32 Prozent) aller 2011 in Deutschland gestellten Diagnosen sind psychisch bedingt. Seelische Belastungen wie Stress, Burnout oder Depressionen sind bundesweit auf dem Vormarsch und führen jedes Jahr zu erheblichen Arbeitsausfällen. Die daraus resultierenden Fehltage der Angestellten stiegen in den letzten 15 Jahren um satte 80 Prozent an. Falls es noch weiterer Argumente bedarf, um Arbeitgeber von der Notwendigkeit einer psychologischen Gesundheitsvorsorge zu überzeugen - die Statistik hat sie: "Die Zahl der Berufstätigen, die jedes Jahr aufgrund von psychischen Erkrankungen komplett arbeitsunfähig werden, ist seit Ende des letzten Jahrhunderts um 142 Prozent gestiegen. Diese Zahlen sind alarmierend - und das umso mehr, als die meisten Arbeitgeber sich bislang ausschließlich um die körperliche Gesundheit ihrer Mitarbeiter Gedanken machen", weiß Diplom-Psychologe Benjamin Martens aus Erfahrung. Sein Unternehmen Mind & Mood begann 2010 mit dem Aufbau von psycheplus.de, einem speziellen Online-Angebot für Unternehmen und Betroffene.
Psychische Gesundheitsvorsorge im Betrieb - wie geht das?
Ein hauseigenes Psychologenteam aufzubauen braucht Zeit und ist gerade für mittelständische Unternehmen oft zu kostspielig. Außerdem dürfte hier die Hemmschwelle für Mitarbeiter höher liegen als bei externen Angeboten: Wer weiß schon, ob der hausinterne Psychologe nicht am Ende doch dem Chef berichtet? Eine ebenso einfache wie praktikable Lösung verspricht dagegen das Internet: Psychologische Online-Angebote, wie etwa psycheplus.de, stellen bereits professionelle Dienste für Unternehmen bereit, die ihr Gesundheitsmanagement mit externer Hilfe verbessern möchten. Das Vorgehen ist einfach: Durch anonyme Befragungen eines möglichst großen Anteils der Belegschaft wird im Unternehmen zunächst das aktuelle Gesundheitsniveau aus psychologischer Sicht ermittelt. Gefährdete Mitarbeiter können dann auf Wunsch mit Hilfe von Coaches für die Stress- und Burnout-Prävention Methoden erlernen und Kompetenzen zur Selbsthilfe aufbauen - anonym und flexibel, beispielsweise auch von zu Hause aus. Die Online-Coaches bieten Soforthilfe im Krisenfall, aber auch Begleitung über mehrere Monate hinweg - für nachhaltigere Erfolge. Das Ergebnis ist ein gesünderes Arbeiten, eine ausgeglichenere Work-Life-Balance, mehr Belastbarkeit - und das Ganze ohne, dass der Arbeitgeber vom Einzelfall Kenntnis haben muss. Mitarbeitern, die sich selbst als stark betroffen einstufen, bietet die Online-Beratung zudem die Möglichkeit der anonymen und direkten psychologischen Betreuung durch zertifizierte Psychologen, beispielsweise am Telefon. All diese Bausteine könnten auch in einer "Flatrate" für Arbeitgeber integriert und ebenso kostengünstig wie bedarfsgerecht bereitgestellt werden.
Langfristige Folgen
Zwar wächst das Interesse an solchen Angeboten mittlerweile auch auf Seiten der Arbeitgeber, bestätigt Benjamin Martens. Wirklich aktiv werden bislang aber noch viel zu wenige. Dabei sind Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Belastungen oft mit viel längeren Fehlzeiten als beispielsweise bei der klassischen Grippe verbunden. "Einsparungen bei den entsprechend hohen Ausfallkosten können die Einführung eines Angebots wie dem unseren in kürzester Zeit amortisieren", so der Psychologe. Das zeigen auch die ersten Pilotprojekte mit der Wirtschaft anschaulich. "Aber die Hemmschwelle, sich des Themas wirklich anzunehmen, ist vor allem bei kleineren und mittelständischen Betrieben nach wie vor zu hoch", so Martens aus Erfahrung. Dabei hat er für seine Idee mittlerweile sogar Rückendeckung aus Berlin: Eine im September gestartete, gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zusammen mit BDA und DGB hat der deutschen Wirtschaft inzwischen bestätigt, dass akuter Handlungsbedarf besteht. Deshalb haben Ministerium, Arbeitgeber und Gewerkschaften das Ziel ausgegeben, den Schutz der psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt zu verbessern. "In unseren Augen ist das nur der Anfang: Um Arbeitsausfälle zu vermeiden, müssen Präventionsangebote und psychische Betreuungsangebote bundesweit ins betriebliche Gesundheitsmanagement integriert werden", betont Benjamin Martens.
Kosteneinsparungen und Employer Branding
Die Vorteile einer solchen Investition liegen im Übrigen nicht nur im betriebswirtschaftlichen Bereich: Das Ganze rechnet sich, wenn Unternehmen weniger Arbeits- und Projektausfälle sowie eine höhere Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter verzeichnen. Es zahlt sich aber auch noch in ganz anderer Münze aus: Der Einsatz des Unternehmens führt nach Martens" Erfahrung auch zu mehr Identifikation mit der Firma, höherer Arbeitszufriedenheit und weniger Fluktuation. "Nicht zuletzt ist ein Unternehmen, das hier Initiative zeigt, auch bei der Personalsuche im Vorteil: Psychologische Unterstützungsangebote können gerade für die Gewinnung von gefragten, höher qualifizierten Bewerbern als positiver Anreiz eingesetzt werden", so Martens. Studien belegen seine Sicht und zeigen deutlich: Jeder Euro, der in betriebliche Gesundheitsmaßnahmen gesteckt wird, zahlt sich mittelfristig gleich mehrfach aus. Der zunehmenden Zahl von betroffenen Arbeitnehmern wäre zu wünschen, dass ihre Arbeitgeber möglichst rasch nachrechnen - und aktiv werden.
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