Der Deutsche ist von Mythen umstellt
16.05.2014 / ID: 166809
Politik, Recht & Gesellschaft
Von Ansgar Lange +++ Moderne Menschen fühlen sich dem Rationalismus und der Aufklärung verpflichtet. Sie meinen, Mythen seien nicht mehr zeitgemäß. In seinem neuen Buch "Mythos und Entzauberung", das der Gerhard-Hess-Verlag herausgegeben hat, ist der Autor Jost Bauch modernen Mythen auf der Spur http://www.amazon.de/Mythos-Entzauberung-Politische-Mythen-Moderne/dp/3873364735. Seiner Meinung nach funktioniert das moderne Gemeinwesen nicht völlig Mythen-frei, auch wenn wir uns nicht mehr von Göttern, Halbgöttern oder Dämonen umgeben sehen. Bauch hält einen solchen Mythen-freien Zustand auch nicht für wünschenswert: "Ein gesellschaftliches Horrorszenario, wo der Mensch zu einem Rädchen in einer riesigen, durchgeplanten, perfekt funktionierenden Maschine werden würde, vermessen, vermasst, manipuliert und weitestgehend außengesteuert".
In seinem Buch wagt Bauch zunächst eine begriffliche Annäherung an den Mythos. Anschließend beschreibt er die europäische Aufklärung (Hobbes, Rousseau, Locke, Kant) als Mythenjäger und skizziert den Traum von der rationalen Zivilgesellschaft. Das dritte Kapitel ist Georges Sorel und dem Mythos als "phantastische Vorwegnahme des Kommenden" gewidmet. Am interessantesten ist aber vielleicht das vierte Kapitel über die deutschen Mythen vom Nibelungenlied zum "Antifaschismus", bevor sich der Autor dann an eine Zusammenfassung und Schlussbetrachtung begibt.
Der Deutsche ist von Mythen umstellt, wobei der zentrale Mythos der Deutschen laut Herfried Münkler das Nibelungenlied ist. Der zweite große Nationalmythos unseres Landes ist der "Faust". Und wie sieht es heute aus? Laut Bauch gehört der Postheroismus zu den "Gründungsmythen" der Bundesrepublik (West). Wenig abgewinnen kann der Autor der These des ehemaligen Außenministers Joseph Fischer, wonach der Holocaust der eigentliche Gründungsmythos der Bundesrepublik sei. Hierzu führt Bauch aus: "Der Holocaust als einziger Gründungsmythos des Nachkriegsdeutschland würde auf die Liquidierung dieses Landes hinauslaufen, er würde genau das Gegenteil von dem bewirken, was Funktion eines Gründungsmythos ist: Das Weiterleben zu legitimieren!"
Besonders kritisch widmet sich das Buch der Instrumentalisierung eines berufsmäßig betriebenen Antifaschismus, der oft in ein professionelles Berufsdenunziantentum münde. Man mag die These, wonach diese Form des Antifaschismus quasi zur Staatsreligion der Bundesrepublik mutiert sei, für überzogen halten. Grundsätzlich hat Bauch aber Recht, dass an die Form eines einseitigen Antifaschismus der Antitotalitarismus treten müsse. Leider neigen sowohl Linke als auch Rechte dazu, auf einem Auge blind zu sein. Klar sollte aber sein, dass wir unser freiheitliches Gemeinwesen sowohl gegen linksextreme als auch rechtsextreme Anfeindungen verteidigen müssen.
Am Ende dieses lesenswerten Werkes, dessen streitbare Ansichten man nicht allesamt teilen muss, plädiert Bauch für einen positiven Freiheitsmythos für Deutschland. Historische Vorbilder könnten zum Beispiel die Varusschlacht, die Bauernkriege, das Hambacher Fest, die Paulskirche oder die friedliche Wiedervereinigung von 1989 sein.
Jost Bauch: Mythos und Entzauberung. Politische Mythen der Moderne.
Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried. 192 Seiten. ISBN: 978-3-87336-473-8, Preis: 16,80 Euro.
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Andreas Schultheis, Text & Redaktion
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